Fachgebiet - Missbrauch
Schaut nicht weg!
Sexueller Missbrauch an Kindern und Frauen ist kein Kavaliersdelikt, kein “Augenblicksdelikt”, kein Bagatelldelikt. Sexueller Missbrauch ist mehr, nämlich ein Verbrechen an Körper und Seele. Sexueller Missbrauch zerstört meistens ein ganzes Menschenleben, ohne dass sichtbare Narben vorhanden sind.
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In der Nacht Die Nacht ist dunkel Er öffnet leise die Tür Seine Hand wie Feuer Ihr Haare zerwühlt Sie hört das Rauschen Sie fühlt den kalten Wind Er ist fertig - steigt aus dem Bett (c)opyright by Lucie Sommer |
Die Folgen sexuellen Missbrauchs sind schwer zu heilen. Die Opfer leiden während der Tat, leiden durch die bedrohliche Nähe und die physische Anwesenheit des Täters, durch dessen scheinbare Autorität, durch die oft vorhandene Abhängigkeit. Die Opfer erleiden einen solch schweren seelischen Schaden, dass das Leben, das vor Ihnen liegt, durch den Missbrauch massiv beschädigt und beeinflusst wird.
Die Täter (so man ihnen habhaft wird), werden bestraft, falls der Missbrauch nachweisbar ist. Manche Täter sind hoffnungslos krank und werden einer Behandlung unterzogen. Manche Täter sind einsichtig und versuchen, die Tat ungeschehen zu lassen, indem sie Hilfe anbieten. Aber das ist nicht wirklich möglich, selbst dann, wenn das Opfer bereit ist, zu verzeihen (und das sind viele Opfer). Manche Täter gar leiden selbst ein Leben lang unter ihrer Tat.
Opferhilfe gibt es, sogar in großer Anzahl. Etliche Vereinigungen und Organisationen haben sich der Opferhilfe verschrieben. Aber viele Opfer sind aus unterschiedlichen Gründen nicht in der Lage, sich um Hilfe an öffentliche Stellen oder wenigstens an Freunde oder gar Verwandte zu wenden. Dies hat vielerlei Gründe.
Ein wesentlicher Grund liegt schon in der Scham, der auf den Umständen der Tat beruht. Ein psychischer Schock verhindert, auch nur darüber zu reden, ja sogar die Gedanken daran werden blockiert und ausgeblendet. Überlagerung nennt man so etwas. Die Folgen dieser Überlagerung können verhehrend sein. Nicht selten kommt es zu einer schweren Persönlichkeitsstörung, die in schweren Fällen in einer Schizophrenie enden können.
Ein weiterer Grund ist die soziale Umgebung. Die Familie (Eltern, Geschwister, sonstige Verwandte) wollen es nicht “wahrhaben”, dass eine solche beschämende Tat in der eigenen Familie vorgekommen sein soll. Nicht nur, dass der Täter (falls er in der Familie zu finden ist) meistens unauffällig ist, und einen eher oft liebenswerten Charakter aufweist (Anm.: dies ist keine allgemeine Täterqualifzierung!); nein, der Täter hat auch noch Einfluss auf das Familienleben und eine Auseinandersetzung mit ihm, womöglich noch eine juristische, hat massive Störungen und Veränderungen im scheinbar stabilen Familienleben zur Folge.
Was können wir tun?
Opferhilfe, ich sagte es, gibt es genug. Aber damit wird nur der Spitze des Eisbergs genüge getan, denn es wird nur den Opfern geholfen, die sich selbst an Helfer gewandt haben, oder die so auffällig wurden, dass liebenswerte und aufmerksame Menschen einschreiten konnten. Aber diese Hilfe ist leider nur eine Aufbereitung der Folgen der Tat. Ist nur eine Hilfe aus den seelischen Qualen. Ist nur eine Brücke für das zukünftige Leben. Und dennoch extrem wichtig!
Doch wer hilft den potentiellen Opfern? Wer macht die Augen auf, um die Tat schon während des Hergangs, vielleicht sogar schon im Vorfeld zu verhindern? Das Problem ist nämlich, dass wir uns in unserer schönen heilen Welt bewegen und andächtig glauben, dass das Böse nur woanders ist, aber nie in unserer kleinen Idylle, in unserer Familie, in unseren eigenen vier Wänden.
Ich möchte keine Hysterie hervorrrufen, indem ich postuliere: Jeder Mann (auch manche Frau) kann Täter sein! Aber Fakt ist, dass es eben nicht nur die auffälligen Männer sind, die zu sexuellen Straftaten bereit sind. Die Gefahr schlummert überall und durch das Aufeinandertreffen von Ursache und innerer Veranlagung kann es zu einer Explosion kommen. Da lebt ein Mann jahrelang glücklich mit seiner Familie und entwickelt plötzlich ungeahnte Gefühle für seine pubertierende Tochter. Anfangs mag ihm das selbst verdächtig vorkommen, aber der Trieb zum köperlichen Kontakt wird immer stärker und irgendwann wird er von diesem Trieb beherrscht, kann sich nicht mehr widersetzen und das Unheil nimmt seinen Lauf.
Wenn ich das jetzt so stehen lasse, schüre ich möglicherweise eine Angst, die zu falschen Handlungen führen kann, nämlich jeden Mann als Täter zu denunzieren, der gar keiner ist, nur weil er mal einem jungen Mädchen, einem Kind ein freundliches Lächeln schenkt oder sie zärtlich in die Arme nimmt. Daher möchte ich eine Hilfestellung geben, wie Täter und Außenstehende selbst einschreiten können, um das Schlimmste zu verhindern.
Schaut nicht weg!
Mein Appell an die Mütter
(und an alle fürsorglich wirkenden Personen im Umfeld eines Kindes):
Haltet die Augen auf! Lasst eine plötzliche Veränderung der Persönlichkeit des Mädchens nicht auf eine innere Verwandlung beruhen oder auf eine altersgemäße Veränderung. Versucht nicht, mit Strafen oder Autorität die alten, liebenswerten Persönlichkeitsmerkmale wieder hervorzurufen.
Persönlichkeitsveränderungen haben immer eine Ursache. Wenn das Kind nicht in der Lage ist, die Veränderungen deutlich zu begründen, wenn es schweigt oder verstockt ist, wenn es sich “versteckt” oder unnahbar scheint, wenden Sie sich an einen Arzt, an eine Beratungsstelle, an einen Kinder- und Jugendpsychologen (am besten über die Schule erfragen). Zwingt das Kind jedoch nicht dazu, sich mit diesen Stellen zu unterhalten. Wenn das Kind nicht mitgehen will, gehen Sie allein, und suchen Sie um Rat und Hilfe. Machen Sie sich Notizen über das Verhalten und gehen Sie diese mit dem Berater durch.
Vor allem aber: Haben Sie keine Angst, dass durch die Tatsache, dass ein Missbrauch vorliegen könnte und dass dadurch “Ihre Welt zerstört wird”. Im Mittelpunkt Ihres Interesses, Ihrer Verantworung muss stets das Kind und sein Wohlbefinden stehen!
Nun zu den Männern:
In jedem von uns (mich eingeschlossen!) kann ein Missbrauchstäter schlummern! In den meisten Fällen sind wir geistig in der Lage, diesen Trieb, sofern wir uns dessen bewusst werden, zu beherrschen. Doch manchmal wird der Trieb so stark, dass wir anfangen müssen zu kämpfen. Gegen diese inneren Gefühle, gegen unsere Emotionen. Und wir müssen diesen Kampf gewinnen! Vor allem (und das sollte das Wichigste sein!) im Sinne des möglichen Opfers. Dann auch im Sinne der Familie des Opfers (die unsere eigene sein kann!). Und zu guter Letzt in unserem eigenen Sinne: Wer diesem unseligen Trieb nachgibt, zerstört auch letztlich sein eigenes Leben, seine Karriere gar. Tut euch das nicht an!
Wenn Sie einen solchen Drang verspüren, wenn Sie merken, dass der Kampf schwierig wird: Haben Sie den Mut, sich um Hilfe an einen Fachmann zu wenden. Beugen Sie selbst vor. Es ist keine Schwäche, sondern es ist stark, diesen Schritt zu tun. Außer Ihnen und dem Berater wird niemand etwas über diese Veranlagung erfahren. Der Berater nämlich hat Schweigepflicht und wird alles Erdenkliche tun, um Ihnen zu helfen, ohne dass es Ihre Umgebung erfährt.
Und mit diesem Aufruf wende ich mich an alle:
Schaut nicht weg!
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