Kapitel 2: Eine kurze Geschichte der Psychologie

Der Ausdruck “Psychologie” setzt sich aus den Begriffen “Psyche” und “logie” zusammen. “Psyche” stammt aus dem Griechischen und wurde abgeleitet von einem göttlichen Wesen, eben der Psyche, die als zartes Mädchen mit Schmetterlingsflügeln abgebildet das Göttliche im Menschen, die Seele, darstellte. “logie” heißt nichts anderes als Wissenschaft oder - präziser - Lehre.

Diese “Seelenlehre” oder die Wissenschaft der Seele führte über zwei Jahrtausende ein Schattendasein, ehe sie als anerkannter Wissenschaftszweig Einzug in unsere Universitäten hielt. Das war 1879, als Wilhelm Wundt, ein deutscher Physiologe, an der Universität Leipzig erstmals ein Labor zur Erforschung menschlichen Verhaltens einrichtete. Er interessierte sich dabei hauptsächlich für die Phänomene der Wahrnehmung und Empfindung, d.h., dafür, wie der Mensch sich seine Umwelt geistig aneignet.

Fast zur selben Zeit wurde eine andere Disziplin begründet, die sich ebenfalls mit einem Aspekt menschlichen Verhaltens befasste und sich gleichermaßen wissenschaftlicher Methoden bediente. Sie war allerdings einem anderem, praktischeren Zweck untergeordnet: 1881 begann der amerikanische Ingenieur Frederick W. Taylor die für die Ausführungen bestimmter Arbeitsgänge benötigten Zeiten zu messen und Methoden auszuarbeiten, die den Zweck verfolgten, die Arbeitsgänge so zu organisieren, dass sie in möglichst kurzer Zeit erledigt werden konnten. Taylor war der erste Rationalisierungsexperte und - wie alle Angehörigen dieser Zunft - bei den Arbeitern unbeliebt.

Wenn man daran geht, menschliches Verhalten zu sezieren und zu studieren, sei es unter kontrollierten Bedingungen im Labor oder sei es im “natürlichen” Lebensraum der Fabrik, so kommt dies (auf den ersten Blick) dem Versuch gleich, mit grobem Werkzeug eine empfindliche Apparatur auseinander zu nehmen.

Allerdings ist es so, dass reflexgesteuertes Verhalten oder prägungsartige Lernvorgänge, wie wir es bei Tieren finden, auch dem Menschen angeboren werden. Somit begründet sich die Forschung der Psychologie eben auch auf wiederholte und wiederholbare Reflexe und Prägungsergebnisse beim Menschen, die bestimmte Verhaltens- und Einstellungsweisen, also mehr oder weniger Reaktionen des Menschen, erklären können.

Ein Neugeborenes z.B. zeigt zwei Verhaltensweisen bereits im Moment der Geburt: Einen Finger, der seine Handfläche berührt, packt es und hält ihn fest. Zudem saugt es an einer Brustwarze, die seine Lippen berührt. Dass es sich vor allem bei letzterem Reflex um ein lebenswichtiges handelt, liegt auf der Hand.

Um die Bedeutung dieser Erkenntnisse für die Entwicklung der Psychologie zu erkennen, müssen wir uns nun mit dem Begriff der “Konditionierung” beschäftigen. Und damit kommen wir zum nächsten Fortschritt in der Geschichte der Psychologie, der eng mit dem Namen Iwan P. Pawlow verbunden ist.