Kapitel 6: Die menschliche Psyche (2)

Siegmund Freud und die Psychoanalyse


Wie gesagt: Für die damalige Zeit war es im höchsten Maße sensationell, dass Freud zu der Auffassung kam, dass praktisch alle verdrängten Erinnerungen und Bedürfnisse letztlich sexuellen Ursprungs seien. Er war davon überzeugt, dass schon kleine Kinder eine Sexualität haben, und dass ihre sexuellen Wünsche, wenn sie von der Gesellschaft (v.a. den Eltern) tabuisiert werden, ins Unbewusste absinken. Von dort aus aber regieren sie in allen möglichen Verkleidungen weiterhin in das bewusste Seelenleben hinein und stürzen die Person unter Umständen in schwere Konflikte, die besonders schwer zu bewältigen sind, weil das bewusste Ich ihre wahren Wurzeln nicht kennt oder nicht wahrhaben will.

Diese Theorie (Behauptung?) war natürlich ein Schlag für die puritanische Gesellschaft, gleichzeitig aber auch (was ja gewollt war) ein Katalysator für nachfolgende wissenschaftliche Untersuchungen dieser Hypothese.

Der bereits erwähnte Josef Breuer lehnte diese Konzentration auf die sexuellen Gesichtspunkte jedoch ab und sagte sich von Freud los. Freud entwickelte daraufhin um 1894 eigene Ideen über die Ursachen psychischer Störungen und die Möglichkeiten ihrer therapeutischen Behandlung. So verzichtete er auch darauf, seine Patienten zu hypnotisieren, und führte die Methode der “Freien Assoziation” ein. Das heißt, der Patient soll alles aussprechen, was ihm gerade in den Sinn kommt, wobei jeder Gedanke erlaubt ist, auch (oder gerade) der unpassendste. Gemeinsam mit dem Patienten wird das so produzierte und gesammelte Gedankenmaterial gedeutet, um den verdrängten Erlebnissen und Motiven auf die Spur zu kommen. Freud nannte diese Methode schließlich “Psychoanalyse”.

Lange Jahre waren seine Theorien, v.a. die Psychoanalyse, heftig umstritten, bis sie endlich nach dem Ersten Weltkrieg eine erstaunliche Popularität erfuhren. Dies ist einerseits auf das weltweite Abbröckeln sexueller Tabus zurückzuführen, andererseits wird auch unterstellt, dass die Lehren Freuds dieses Auflösen der Tabus erst ermöglichten. Was letztlich richtig ist, ist schwer nachweisbar und so bleibt die Erkenntnis, dass Freud als Gründer der Psychoanalyse in den Geschichtsbüchern steht.

Kritik


Die Ansicht, dass Siegmund Freud der Vater der Psychologie sei, ist jedoch schlicht und ergreifend falsch. Dem widerspricht zum Einen die Tatsache, dass die Psychologie als solche schon den Griechen und anderen Frühkulturen bekannt war; zum Anderen aber auch, dass Freud sich wenig bis gar nicht solch konkreten psychologischen Problemen wie der Wahrnehmung, der Kommunikation etc. widmete, sondern “stur” bei den vermeintlichen Ursachen verhaftete. Es ist leider bedauerlich, dass in einer beinahe rundum aufgeklärten Gesellschaft wie der unsrigen die Theorien Freuds (z.B. das Konstrukt “Es - Ich - Überich” oder der “Ödipus-Komplex”) nach wie vor als ultimativ gültig gehandelt werden. Insbesondere im Pädagogikunterricht der weiterführenden Schulen werden allzugern Freuds Theorien (neben derer von Piaget) als absolut stimmig und quasi für jede Situation passend gelehrt. Meine persönliche Hypothese hierfür lautet:

Etliche Pädagogiklehrer sind (wie so viele “Menschenkenner”) Möchtegern-Psychologen, die sich oberflächlich mit einer Wissenschaft auseinander setzen, zu der ihnen der tatsächliche Zugang verborgen bleibt. Die gilt übrigens auch für einige Kollegen. Doch das ist eine andere Geschichte und soll... ach nein, das ist von Michael Ende ;-)

Tatsache dürfte sein, dass die Gläubigkeit, mit der ein Großteil unserer Gesellschaft an der Lehre Freuds hängt, fast schon als religiöser Wahn bezeichnet werden kann. Wie anders ist es zu verstehen, dass in unserem ohnehin überlasteten Gesundheitssystem die Arbeiten von Psychotherapeuten nur auf der Grundlage von drei anerkannten Schulen durch die Krankenkassen finanziert wird: Die Verhaltenstherapie (nachvollziehbar), die Gesprächstherapie (eingeschränkt nachvollziehbar) und eben die Tiefenpsychologie basierend auf Freud (gar nicht nachvollziehbar).

Die Psychoanalyse ist genau genommen eher Kunst als Wissenschaft. Gut, das gilt auch für die Beschreibung vieler ärztlicher Leistungen, aber für die Psychoanalyse gilt vor allem eins: Theorien, Erkenntnisse und gar Erfolge sind empirisch so gut wie gar nicht nachweisbar! Schlussfolgerungen in diesem Bereich beruhen vor allem auf intuitiver Einsicht und subjektivem Urteil. Und was noch wichtiger ist: Es gibt in der Psychiatrie (von der die Psychoanalyse ja nur ein Ansatz ist) so gut wie keine nennenswerten, nachvollziehbaren Erfolge! Die Zahl der psychischen Erkrankungen jedenfalls konnte im Lauf der Jahrzehnte nicht nennenswert reduziert werden.

Ob die Psychologie dennoch helfen kann? Ja! Denn es gibt natürlich Bereiche, in denen die Forschungsergebnisse und praktischen Ansätze der Psychologie hilfreich sind. Doch diese liegen in der Regel im individuellen Ansatz und können nicht übertragen werden. Es gibt tatsächlich beinahe so viel theoretische Ansätze wie Therapeuten. Letztlich aber entscheidet die Beziehung zwischen Therapeut und Klient, ob die Arbeit (für den Klienten!) von Erfolg gekrönt ist.