Kapitel 9: Medikamente und Drogen
Schon die Menschen der Antike wussten, dass manche Pflanzensäfte Halluzinationen oder Glücksgefühle hervorzurufen vermochten. So kauten die Priesterinnen von Delphi bestimmte Pflanzen, bevor sie ihre rätselvollen Orakelsprüche taten. Bei etlichen Indianerstämmen im Südwesten der USA war das Kauen von “Peyote” (Mescalin), das optische, farbige Halluzinationen erzeugt, ein ritueller Brauch.
In einer unzugänglichen Gegend des Irans berauschte sich im Mittelalter eine islamische Sekte an Haschisch, das aus Blüten des Hanf gewonnen wird. Die eingenommene Droge verlieh dem Berauschten das Gefühl, Blicke in das Paradies werfen zu können. Um diesen “Schlüssel zum Himmelstor” zu erhalten, befolgten sie alle Befehle ihres Führers, dem “Alten Mann der Berge”. Dieser schreckte natürlich auch vor Modaufträgen nicht zurück, die seine Gefolger ihm willig erfüllten. Aus diesem Grund wurde der Begriff “Haschisch” dann auch zum Synoym für “Mörder”. Das englische Verb “assassin” (Meuchelmörder) entstammt daher auch diesem Zusammenhang. Diese Sekte, die Haschischin, wurde im Jahre 1226 durch die mongolischen Eroberer ausgerottet, die Droge jedoch blieb (wie allgemein bekannt) erhalten.
Das Gegenstück solch euphorisierender Drogen sind als Tranquilizer (“Ruhigsteller”) bekannt. Einer der ältesten bekannten Wirkstoffe ist das Reserpin, das bereits im 10. Jahrhundert in Indien genommen wurde. Es wird seit 1952 in der Psychiatrie angewandt. Tranquilizer haben den Vorteil, dass Angstgefühle zerstreut oder zumindest reduziert werden, ohne die psychische und physische Aktivtät nennenswert zu beeinträchtigen. Auf diese Weise gelingt es nicht selten, störende Symptome (wie z.B. in einigen Schizophreniefällen) so zu unterdrücken, dass die Chance zur Anwendung anderer, sinnvollerer Therapien erhöht werden kann. Nachteilig ist, dass diese Droge so populär wurde, dass sie auch außerhalb der Psychiatrie als vermeintliches Allheilmittel gekauft und angewendet wird.
Kritik
Psychotherapeuten, Psychiater und andere Fachärzte, die sich der Hilfe von Psychopharmaka bedienen, tun dies in der Regel nach Absprache mit dem Patienten und/oder Kollegen. Leider aber wird - meist aus Bequemlichkeitsgründen - allzu oft der “Ruhigsteller” verschrieben, um sich der lästigen Nebenwirkungen zu entledigen. Hier aber nicht der Lästigkeit der Krankheitssymptome für den Patienten, sondern der Lästigkeit dieser Symptome für den Behandelnden.
Ein trauriges Beispiel ist die routinemäßige Gabe von “Haldol” auf den Stationen der psychiatrischen Einrichtungen. Haldol gilt als der Hammer unter den Tranquilizern und versetzt den Patienten nicht selten in einen nahezu katatonischen Zustand, so dass er für mehrere Stunden, teils Tage nicht ansprechbar ist und (wenn überhaupt) nur wie ein Roboter reagiert.
Ich durfte leider in meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten dabei sein, als es einmal mehr “Störungen” auf der geschlossenen Station für chronisch schizophrene Kranke einer großen Landesklinik (Lehrkrankenhaus!) gab, weil zwei Patienten den “Tagesablauf” durch andere Aktivitäten unterbrachen. Sowohl diese Patienten als auch die Aktivitäten selbst waren eher harmloser Natur, doch weil die Patienten sich weigerten, den üblichen Tagesplan einzuhalten, wurden sie gewaltsam unter Haldol gesetzt und waren für mehr als 2 Tage außer Gefecht gesetzt. Danach übrigens folgten sie wieder willig den Anordnungen des Personals. - Warum wohl?
Wahrscheinlich bekomme ich von vielen Kollegen aufgrund meiner Anti-Haltung gegen jegliche zwangsweise Verordnung von Tranquilizern gehörig den Kopf gewaschen, doch ich bleibe dabei: Wer nicht freiwillig der Einnahme zustimmt, sollte auch nicht unter diese Droge gesetzt werden!
Im nächsten Abschnitt werde ich noch kurz auf den Drogenkonsum allgemein eingehen.
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